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Gangster Grillz


«Ich hab was übrig für Gangsta Grillz», singt die Houstoner R'n'B-Sängerin LaToya auf «Gangsta Grillz», ihrem jüngsten Hit. Dabei denkt sie wohl an Typen wie Baby: Der aus New Orleans stammende Rapper dokumentierte gerade in einem Video den Austausch seines alten, «nur» 250 000 Dollar teuren Grills durch ein neues 500 000-Dollar-Modell. Dabei verhält es sich mit den Grills wie mit Bodybuilding, Piercing-Ringen und Tattoos. Sie kamen einst aus der Unterschicht, galten als Domäne von Zuhältern, Schaustellern, Matrosen. Bis der Mainstream sie als Insignien einer neuen, narzisstischen Körperlichkeit entdeckte, so dass heute selbst biedere Bürolisten abends im Fitnessstudio stolz ihre Tribal-Tattoos entblössen.
Grills sind allerdings mehr als spätkapitalistischer Narzissmus-Wahn. Im rauen Klima des Ghettos symbolisieren die Schmuckleisten eine quasimagische Rüstung - und zeigen mitunter den unbedingten Willen, sich über alle Widrigkeiten hinweg als Individuum in Szene zu setzen. Nicht zufällig waren es Rapper aus den ärmsten Vierteln von New Orleans, die Grills als internationalen Modetrend lancierten. «Es ist im Süden Tradition, sich Goldzähne machen zu lassen», erklärt dazu Rapper Juvenile. «Vater, Onkel, Opa: Sie haben alle eine Goldspange im Mund. Wenn dein Leben schon beschissen ist, dann möchtest du eben wenigstens ein bisschen Glamour zur Schau tragen.» Psychoanalytiker haben die Grills-Mode als Ästhetisierung eines Traumas gedeutet. Wenn Zähne unter anderem für Potenz stehen, dann können goldene Gebisse zumindest den Anschein von Macht ausstrahlen - als Kompensation für die oft erniedrigenden Verhältnisse, unter denen Afroamerikaner der Unterschicht aufwachsen. Pimp-Culture Bling-Bling, der Schmuck-Kult der Hip-Hop- Szene, zieht seine Inspiration seit je aus der Pimp- Culture, der Zuhälter-Kultur: Die romantische und faszinierend anrüchige Figur des Zuhälters feiert eine Renaissance im schwarzen Pop. Nicht zufällig, so glaubt der afroamerikanische Kulturkritiker Robin D. G. Kelley, taucht der mythologische Pimp immer dann als Identifikationsfigur auf, wenn das schwarze männliche Amerika in der Krise steckt. Im Ghetto bietet er oft das einzige sichtbare Vorbild für materiellen Erfolg und Selbstbestimmung.
Die Fähigkeit des Pimps, seine Umgebung zu kontrollieren, dank seinem Geschäftssinn, seinem sexuellen Vermögen, seiner psychologischen Finesse und, ja, auch Gewalt Frauen dazu zu bringen, nach seinem Willen zu handeln und ihm Geld zu geben, gilt immer noch als seltenes Beispiel schwarzer männlicher Autorität - zumal unter den Jugendlichen im Ghetto - der am schlechtesten verdienenden, am meisten diskriminierten und am häufigsten zu Gefängnisstrafen verurteilten Bevölkerungsgruppe Amerikas. Das ist 2006 noch immer ähnlich wie Mitte der achtziger Jahre.
Damals erreichte die üppige Schmuckorgie im Hip-Hop - Goldketten, so dick wie Schiffstaue, diamantenbesetzte Augenklappen, protzige Vierfinger-Namensringe und Gold-Medaillons - ihren ersten Höhepunkt. Slick Rick liess sich einen Rubin in seinen Goldzahn einsetzen, Rapper- Kollegen - von LL Cool J bis zum Wu-Tang-Clan - folgten seiner Goldspur, gaben das Gewicht ihres Edelmetall-Schmucks als Beweis aus für ihren persönlichen Rang. Und suggerierten damit eine verbindliche, populär-darwinistische Ideologie. Gesellschaftlich engagierte Rapper wie De La Soul, A Tribe Called Quest oder KRS-One versuchten zwar, mit Leder-Medaillons, Perlenketten und Beduinenkleidern die Hip-Hop-Couture an das afrikanische «Mutterland» und eine «schwarze Natürlichkeit» zurückzubinden - durchgesetzt aber haben sie sich nicht.
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| Letzte Aktualisierung dieser Seite: 17.02.2011 | Verfasser: J. Slomski, M. Leisner | Nachweis/Quelle: Fachlektüren prodente e.V. bzw. Fachrat |

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